Gerd Rehme malt ein Porträt eines Mannes mit Helm auf einer großen braunen Leinwand in seinem Atelier.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die die Möglichkeiten der Technik nutzt, ohne den Menschen zum bloßen Funktionsteil im System zu machen.
Gerd Rehme mit Brille und schwarzer Arbeitsjacke sitzt vor einem weißen Hintergrund mit roten Elementen.
Foto: Jacek Krefft
Artist Statement
Körper & Code: Menschlichkeit im Algorithmus-Zeitalter
“Ich arbeite an der Bruchkante zwischen Körper und Code. Die digitale Revolution hat unsere Abläufe nicht langsam, sondern sprunghaft verändert: Routinen, Wahrnehmungen, Entscheidungen verlagern sich in Systeme, die wir nutzen, aber selten hinterfragen. Meine Kunst richtet den Blick auf diese Ambivalenz – auf die Versprechen von Effizienz und Vernetzung ebenso wie auf die stillen Verluste von Autonomie, Erinnerung und Kontinuität. Formell verbinde ich Bekanntes mit Digitalem: klassische Motive, Handschrift, malerische Schichten treffen auf Leiterbahnen, Pixelraster, Interface-Fragmente. Elektronische Bauteile werden in die Leinwand eingelassen, als materielle Zeichen einer Infrastruktur, die unser Leben durchdringt. Glitch-Strukturen, künstliches „Screen-Licht“ und algorithmische Wiederholungen stören die Bildlogik, bis die Frage spürbar wird: Wer steuert wen – Mensch das System oder das System den Menschen? Jede Serie ist als offener Diskursraum angelegt. Ich verdichte Bildmotive zu Situationen, in denen Fortschritt und Kontrolle gleichzeitig sichtbar sind: Überlagerungen, Tilgungen, Störungen. Das Ziel ist kein Alarmismus, sondern bewusste Positionierung. Die Bilder laden ein, Haltung zu prüfen: Was geben wir ab, wofür gewinnen wir Spielraum? Wo verläuft die Grenze zwischen Unterstützung und Überwachung, zwischen Optimierung und Entmündigung? Meine Mission ist es, die Ambivalenz dieser Entwicklung sichtbar zu machen und den Dialog darüber zu schärfen. Meine Vision ist eine Aushandlung der digitalen Zukunft, die nicht nur technisch, sondern menschlich geführt wird: mit Sinn für Freiheit, Verantwortung und Verletzlichkeit. Wenn ein Bild dazu beiträgt, den eigenen Standpunkt zu klären – jenseits von Faszination oder Abwehr –, hat es seinen Zweck erfüllt: Technik nutzen, ohne den Menschen zum Funktionsteil eines Systems zu reduzieren.”
Schnitt ins System:
Analoge Malerei trifft Computerbauteil
„Konservativ? Bloß nicht.“ Mit diesem Impuls startete Gerd Rehme nach dem Abitur ins Berufsleben – und landete zunächst hinter der Kamera. Ein befreundeter Fotograf öffnete die Tür zur Werbefotografie: Studioaufbau, Setlicht, hochkarätige Produktionen, Models, Aufträge aus der Branche. Kreativität wurde Praxis. Bis eine Wirtschaftskrise das Fundament erschütterte. Rehme entschied sich neu, schrieb sich nicht für Fotografie, sondern für Pharmazie ein – und arbeitete fortan erfolgreich im pharmazeutischen Umfeld.
Künstler mit Brille sitzt in einem Atelier vor mehreren Gemälden.
Die Kunst blieb dennoch der heimliche Dauerton. Aus der Lust am Bild wurde Leidenschaft für die Malerei. Erst Kurse bei bekannten Malern, dann – „reicht nicht“ – der späte, konsequente Schritt: Mit 72 Jahren beginnt Rehme ein Studium an der Akademie für Malerei Berlin (Ute Wöllmann, Meisterschülerin von Prof. Baselitz). Fünf Jahre später schließt er mit Meisterschülerbrief ab. Der Wechsel vom Labor zur Leinwand ist endgültig. Sein Thema: der Mensch im digitalen Zeitalter. Rehme nimmt das wörtlich – und materiell. Er schneidet Leinwände aus, sägt in Holzgründe, fügt Platinen und Computerbauteile ein. Eisenrost, Bauschaum, UV-aktive Tagesleuchtfarben und pastose Eingriffe treffen auf klassische Malerei. So entstehen Bilder als Hybridobjekte: analog gebaut, digital verwundet, visuell aufgeladen. Die Oberfläche trägt Spuren, Kanten, Einschnitte – und erzählt von Anpassung, Überforderung, Selbstbehauptung in einer Welt, die permanent beschleunigt. Ausstellungen im In- und Ausland haben das Interesse an dieser Position spürbar verstärkt. Einladungen zu Veranstaltungen zu digitalen Themen – etwa rund um Künstliche Intelligenz – sowie Nominierungen für Kunstpreise unterstreichen die wachsende Aufmerksamkeit; Verkäufe und Sammlerresonanz nehmen zu. Rehme zeigt, dass künstlerische Relevanz keine Frage des Einstiegsalters ist, sondern des klaren Blicks und der kompromisslosen Materialentscheidung. Gerd Rehme, Jahrgang 1948, lebt und arbeitet in Lübeck-Travemünde an der Ostsee. Sein Atelier liegt an der Hafeneinfahrt – ein Ort zwischen Strömung und Stillstand, der seiner Arbeit nah ist: Bilder, die schneiden, verbinden und fragen, was vom Menschen bleibt, wenn die Technik immer näher rückt.
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