Rezensionen / Veröffentlichungen

Artikel im Kunstmagazin „ARTPROFIL“

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Rezension über den Maler Gerd Rehme, Bad Schwartau

 

Gerd Rehme kam erst im reiferen Alter durch Malkurse und Malbegleitung bei Maribel Brandis, Künstlerin aus Barcelona, zur Acrylmalerei, wobei er sich in erster Linie mit abstrakter Kunst beschäftigte.

Neugierig findet er seinen Platz bei der Experimentellen Malerei. Hier kann er andere Wege finden , wo der Pinsel nur ein Hilfsmittel ist. Von Collagen zu Zeichnungen mit Wachs oder Spuren mit dem Spachtel auf der frischgegossenen Farbe der Leinwand – alles  findet seinen Lauf im Arbeitsprozess.

“ Der Weg ist das Ziel“ – seine Vorgabe –  lässt Platz  für Zufälle.  Gekonnt analysiert er den Bildaufbau und vollendet  dieses Abenteuer des abstrakten Kunstwerkes. Frei und grenzenlos fühlt er sich beim Arbeitsprozess. Maribel Brandis legte viel Wert aufs Handwerk, was Gerd Rehme  verinnerlicht hat.

Weiter gefördert wurde er durch Kurse bei namhaften Künstlern in der Kunstfabrik Hannover.

Gerd Rehme war schon immer  an vielen  Themen der Gegenwart interessiert. Gesellschaftskritisch setzt er sich mit brisanten, aktuellen Themen auseinander, wie  z.B. Klimawandel:  in den Werken „Atmosphärisch“ oder „Eiskalt“.

Was passiert mit unserer Umwelt? Wohin mit dem Müll? Daher das Bild mit dem Titel „Mensch und Meer“ usw. Auch polemische oder Tabu -Themen wie „Gewalt“ „Hass“ „Angst“ „Dominanz“ findet man in seinen Werken.

„Künstler sind ein Spiegel unserer Gegenwart. Die Menschheit hat noch viel an Toleranz und Empathie zu lernen.“

Bad Schwartau 13.11.2019
Maribel Brandis

Rezension von drei Bildern des Malers Gerd Rehme aus Bad Schwartau

 Von Dr. Jennifer Chrost, Kunsthistorikerin, Darmstadt

 

Im Grunde gibt es in der Kunst keinen Anfang und kein Ende. Die Ideenwelt, die Materialien, alles existiert bereits, und Kunst wird es so lange geben, wie es Menschen gibt; auch in Zeiten, in denen über Computer gesteuerte Algorithmen Bilder erschaffen. Auch in den Bildern von Gerd Rehme gibt es keinen Anfang und kein Ende: der fortwährend sich bewegende Blick, das Entdecken, das Wirken- lassen des Eindrucks, das möglicherweise beginnende Assoziieren, all diese Prozesse könnten unendlich lange fortgesetzt werden.

In dem Werk „Anfang und Ende“ bietet der relativ große schwarze Buchstabe A vorne links im Bild einen optischen Ausgangspunkt für den Betrachtungsvorgang. Oben rechts befindet sich ein kleineres, dadurch perspektivisch etwas in die Tiefe versetztes Z, welches das Alphabet abschließt. Weiße Partien verbinden kontrastreich Anfang und Ende des Alphabets, das an Alpha und Omega und damit auch an das Sinnbild für das Leben denken lässt. Weitere Buchstaben wurden in die komplementären gelben und lilafarbenen abstrakten Formen und Farbflächen integriert. Das sich der Entdeckerlust nicht entziehen könnende Auge macht sie nach und nach ausfindig. Hierbei stößt es auf teilweise transparente gelbe Farbschichten, unter denen sich weitere Buchstaben verbergen, die in ihren Formen jedoch nicht unbedingte Lesbarkeit beabsichtigen, sondern das Eigenleben der Form und das optisch Spielerische voranstellen. Klar erkennbar ist das  T  auf sich kreuzenden Linien verortet, die seinem Schriftbild entsprechen. Ein O verbirgt sich zur Hälfte hinter einer anderen Farbstruktur und beinhaltet passend zur raumschaffenden Form in seinem Innersten noch den Kleinbuchstaben e. Ornamental schlängelt sich das geschwungene S, das zugleich in seiner Erweiterung auch als W gelesen werden kann, in der schwarzen Umrandungslinie des weißen Feldes. Das Y und L gehen eine Symbiose ein, bleiben durch die sie überdeckende rasterpunktartige Struktur aus violetten Tupfen jedoch im Hintergrund. Somit ergänzen sich Punkte, Linien und Flächen sowie Farben und Texturen zu einem vielfältigen Sehereignis, bei dem durch Farbschichtungen, Größenvariationen und Kontraste ein Raum erzeugt wurde. Der Betrachter begibt sich somit durch einen Parcours, in dem er auf der Suche nach den Buchstaben Strukturen und Farbschichten durchdringen muss.

Das Sehen ist ein natürlicher, alltäglicher Vorgang, über den man in der Regel wenig nachdenkt. Mit seinem Werk „Anfang und Ende“ veranlasst der Künstler Gerd Rehme einen Prozess des entdeckenden Sehens, der auch eine Reflexion über das Sehen im Allgemeinen nach sich ziehen kann. Schon die Kubisten forderten mit ihren Collagen den Blick des Betrachters heraus, indem sie Buchstaben und Wortfetzen, gemalt oder als Zeitungsausrisse, mit weiteren ebenfalls stark reduzierten Formen kombinierten und dadurch vielschichtige, in die Fläche gedrängte Gebilde erzeugten. Dass diese Herausforderung auch heute immer wieder neu zu stellen ist und nicht an Reiz verliert, zeigt nicht nur diese Arbeit von Gerd Rehme.

Die Wirkung von sich überlagernden Farbschichten und das Prozesshafte der Farbe sind in den Arbeiten des Künstlers zentral. In der Arbeit „Tentakel“ wird die Acrylfarbe mit dem Pinsel aufgetragen, aber auch gewischt, dünn gespachtelt und tropfen gelassen. Über einen weiß grundierten Untergrund wird dunkelblaue und grüne Farbe aufgetragen. Gelb schimmert hindurch, liegt vor allem aber im Vordergrund, wo es entgegenstrahlt, während sich die dunklen Partien in den Hintergrund zurückziehen. Im dynamischen Malprozess, der sich dem Zufall hingibt, aber auch Formen gezielt setzt und ausformuliert, entsteht ein bewegtes Bild, das in seiner Ungegenständlichkeit die Wirkung der Farbe in den Vordergrund stellt. Gleichwohl erscheinen die gelben Farbspuren wie die Tentakel eines Wassertieres, das sich im blaugrünen Ozean fortbewegt.

Der Eindruck von Wasser oder etwas Flüssigem stellt sich insbesondere im Werk „Tiefgründig“ ein, das der Künstler in der sogenannten Schütttechnik mit Acryl- und Holzbeizfarbe erstellte. Blaue Farbe in verschiedensten Nuancen ergießt sich wie flüssige Tinte über die Leinwand. Mehr noch: sie fließt, sie spritzt und verdichtet sich. Während besonders die hellblauen Partien auffallen, in denen die Farbe geradezu im Moment ihres Auftreffens festgehalten wurde, so als könnte sie noch unmittelbar auf den ihr gegenüberstehenden Betrachter spritzen, so gibt es Bereiche, in denen die Farbe ineinanderfließt und ebenfalls Bewegung suggeriert, wenn auch eine ruhigere. An den Rändern der dunkelblauen und grauen Farbflächen gibt es Ausschwemmungen, in denen die Farbe wie in der Aquarellmalerei weich in zarte Härchen diffundiert. Auch Strukturen, die in ihrer Bläschenbildung an Verkrustungen erinnern, findet man. Während die Verkrustungen deutlich machen, dass es einen Trocknungsprozess gab, evozieren die gespritzten Farbpartien Unmittelbarkeit, als würde die Farbe gerade auf die Leinwand treffen. Hierdurch ergibt sich der Eindruck unterschiedlicher Zeitlichkeit. „Tiefgründig“ lautet der Titel und verweist auf die vielen verschiedenen Farbschichten, durch die man wie in ein tiefes Gewässer hineinsieht. Auch in diesem Werk wandert der Blick, ohne Anfang, ohne Ende, getrieben von der Freude zu entdecken, was die Farbe in ihrer Materialität und Tonalität herausbilden kann. Ein Phänomen, das die Arbeiten von Gerd Rehme gemeinsam haben.

Dr. Jennifer Chrost, Kunsthistorikerin, Darmstadt, November 2019